1988 geboren in Ried im Innkreis.

Lebt und arbeitet in Wien.

contact:

jakob_schieche@gmx.at

http://jakobschieche.blogspot.com/

Jakob Schieche

KOMMODE

„Da ist ein Monster im Garten“, sagt der kleine Junge. „Nicht jetzt, Bernard“, erwidert seine  Mutter. Bernard geht in den Garten und wird vom Monster gefressen. „Nicht jetzt“, sagen Bernards Eltern zum Monster, als es versucht auf sich aufmerksam zu machen. Verdattert wird das Monster ins Kinderbett gesteckt. „Aber ich bin ein Monster“, protestiert es kleinlaut, ohne dass irgendjemand davon Kenntnis nimmt. Das Monster nimmt den Platz des Kindes ein, anscheohne dass dessen Eltern etwas merken und wird mit denselben Problemen konfrontiert, wie ursprünglich sein Opfer Bernard. Es ist ein ungewöhnlicher Fokus, der auch im Zentrum von Jakob Schieches Arbeit Kommodesteht: Es ist eine Auseinandersetzung mit Ängsten und Feindbildern,  die auf den ersten Blick kindlicher Natur scheinen, jedoch auf viel grundlegendere, zutiefst menschliche Ursprünge verweist. Jakob Schieche bedient sich hierbei des autobiografischen Fundus von Kinderbuchillustrationen und erstellt daraus eine persönliche, ikonografische Histologie des „Bösen“. Aus seiner Arbeitsweise entsteht eine Parallelität, die zwei sehr unterschiedliche Zugänge und Ergebnisse zulässt. Der Ausgangspunkt ist eine Kommode, die durch ihr Erscheinungsbild eine kulturell gesunkene Ästhetik des Unheimlichen und Unbehaglichen bedient. Sie verliert ihre Funktion als Gebrauchsgegenstand und wird zum animistischen Objekt, über dessen Oberfläche sich ein chaotisches Geflecht von eingeschnitzten Charakteren zieht. Die dunkle Fassung, die unklare Geschichte des Möbelstücks und die in vielen Fällen nicht deutbaren Figuren schafft die Möglichkeit von Assoziation und Projektion, die für die Vorstellung eines abstrakten Bösen überhaupt erst notwendig ist. Die Kommode als Objekt funktioniert demnach ähnlich wie die Illustrationen, die auf ihr zu finden sind. Indem unterbewussten Vorgängen auf ein Objekt oder einen Charakter übertragen werden, sprich eine Externalisierung stattfindet, wird eine konkrete Auseinandersetzung mit ihnen erst möglich gemacht. Die teilweise naiv wirkenden und harmlosen Darstellungen stehen dabei in einem starken Kontrast zur Idee einer existenzbedrohenden Figur, sei es nun innerhalb einer kindlichen Weltvorstellung oder einer realen gesellschaftlichen, politischen Situation. An diesem Punkt entwickelt sich der zweite, weiterführende Strang der Arbeit, der seinerseits zur Entmystifizierung der Arbeit beiträgt. Der Kommode wird eine neue Funktionalität zugeordnet, indem sie als Druckstock verwendet wird. Jakob Schieche erstellt Abzüge aller Charaktere und löst das Durcheinander der verschiedenen Figuren in Einzelpersonen oder kleine Gruppierungen auf. Es ist der Versuch dem Bösen an den Kragen zu gehen, es in seine Einzelteile zu zerschlagen, es einer rationalen Ordnung zu unterwerfen. Zunächst werden die Figuren nach Gattungen kategorisiert: Tiere, Ungeheuer, Hexen oder Räuber. Innerhalb dieses Ordnungssystems wird dann ein zweiter Maßstab angewandt: die Beschaffenheit der Boshaftigkeit. Die in der Arbeit verwendete Kinderbuchliteratur enthält eine vielfältige Palette von Schurken und Widersachern, die unweigerlich auch Rückschlüsse auf dahinterliegende Wertgefüge und Weltanschauungen offenbaren. Die klassische Kinderbuchliteratur vor allem Märchen und Sagen gehen grundsätzlich von einer klar getrennten Bipolarität von Gut und Böse aus. Die Rollen werden vom Anfang bis zum Ende der Erzählung beibehalten, die daraus resultierenden Beziehungen sind dementsprechend simpel, ebenso wie die moralische Grundregel, dass das Gute über das Böse triumphieren muss. Das visuelle Pendant dieser Ansicht findet sich in der Kommode an sich wider: In gestochener Klarheit hebt sich die Figur des Bösewichts von einem tiefschwarzen Hintergrund ab, welcher den dunklen Abgründen seines Charakters gleichkommt. In den druckgrafischen Abzügen hingegen stehen die Figuren vor einem gebrochenen, durch die unregelmäßige Holzoberfläche der Kommode strukturierten Hintergrund, der mit dem eigentlichen Motiv der Charaktere konkurriert. Die Dellen, Schnitzer und Risse der Kommode, die während ihrer vergangenen Benützung entstanden sind, liefern gleichsam das Abbild einer möglichen Biografie, die als Erklärung für böses oder boshaftes Handeln miteinbezogen werden muss. Gerade in der jüngeren Kinderbuchliteratur findet sich eine differenziertere Darstellung von Charakteren, die nicht ohne weiteres in ein einfaches Schema, das aus zwei Extremen besteht, einzuordnen sind. Durch den erweiterten Handlungsspielraum ist es sogar unnötig einen klaren Bösewicht zu definieren, weil jedem Charakter die Möglichkeit eingeräumt wird, selbst Böses zu begehen. Ein einprägsames Beispiel, das Jakob Schieche nicht zuletzt deswegen isoliert und auf die Vorderseite der Kommode gesetzt hat, ist Janosch‘ die Neuinterpretation des tapferen Schneiderleins. Dessen Treffsicherheit wird sich von Militärs zu Nutzen gemacht und letztendlich landet der eigentliche Held hinter einer Apparatur, anhand derer er zig Menschen auf Knopfdruck töten kann. In seiner Naivität reflektiert das tapfere Schneiderlein sein Handeln nicht. Mit gutem Gewissen gehorcht es den Befehlen seiner Vorgesetzten, die angerichteten Gräueltaten dringen nicht in sein Bewusstsein vor. Janosch nimmt in seiner Erzählung direkten Bezug auf die Fragen von Schuld, Obrigkeitsgehorsam und der Rolle des eigenen Gewissens, die nach dem zweiten Weltkrieg akut wurden. Aus der geschichtlichen aber auch der persönlichen Erfahrung wird klar, dass das Böse keine Konstante ist und sich nicht innerhalb klar abgesteckter Grenzen stattfindet. Der Versuch auf der Kommode eine Essenz des Bösen durch die Subsummierung einzelner übler Charaktere zu erstellen, muss scheitern und die Sammlung der Druckgrafiken gibt auch gleich die Erklärung dazu: Die Darstellungen sind Platzhalter für eine Idee, die nur deshalb so furchterregend ist, weil wir wissen, dass wir unter bestimmten Umständen selbst die Rolle des Bösen einnehmen können.

Stefan Wirnsperger

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